GABRIELE KERKHOFF

„Die Unbeständigkeit aller Stimmungen oder Umstände“

Gedanken zu Susanne Teupes Paderborner Arbeiten

in: Susanne Teupe, „Wasser“, Artothek Paderborn, 1999

„Im Prinzip, im großen Ganzen ist alles ein Ziehen, Fließen, Drehen, Spiralen, Kreisen, Kommen, Werden und Vergehen.“¹

Das Bestehen auf Freiheit von allen Bindungen – seien sie inhaltlicher oder formaler, sozialer oder politischer Art – ist ein Signum moderner Kunst. War es bis um 1800 die Regel, daß künstlerische Werke auftragsbezogen waren, häufig auch an einen bestimmten Ort oder Anlaß gebunden, so ist es für den heutigen Künstler eher ungewöhnlich und eine besondere Herausforderung, äußere Vorgaben in seine Arbeit einzubeziehen. Mit ihrem Bildzyklus, der zeitlich befristet in der Stadtbibliothek Paderborn zusehen ist, hat sich die Künstlerin Susanne Teupe dieser Aufgabe gestellt. Ihr Anspruch war, keine dekorative Wandgestaltung zu liefern oder das Bibliotheksgebäude zum Ausstellungsort umzufunktionieren, sondern unmittelbar Bezug zu nehmen auf die besonderen architektonischen Gegebenheiten des Gebäudes.

Die Lage des barocken Baus inmitten des Paderquellgebietes – umspült von Wasser- regte die Künstlerin zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema Wasser an. Das Ergebnis sind neun großformatige Mischtechniken, die in die Fensternischen eingepasst wurden: fließende Formen ohne klare Konturen, die ausflocken und sich zusammenballen, ein sich Kräuseln, Schweben und Züngeln in Schwarz und Weiß. Man hat den Eindruck, daß sich die Formen gegenseitig in Bewegung versetzen und dabei selbst in unentwegter Veränderung begriffen sind. In den hellen kreisförmigen Flecken kommt die Bewegung zur Ruhe, während an den Nahtstellen zwischen Schwarz und Weiß eine Vibration entsteht, wie sie bei der Verdichtung von Energie auftritt. Unwillkürlich drängen sich dem Betrachter Assoziationen an Wasser und Himmel, aber auch an Feuer auf. Unabgeschloßen an den Rändern, greifen die Formen über die Bildfläche hinaus und erweisen sich als Ausschnitte eines größeren Zusammenhangs.

Susanne Teupes Entscheidung, ihre Bilder nicht auf die Wand, sondern in die Fensternischen zu hängen, ist ebenso kühn wie konsequent. Da die transparenten Bilder das Raumlicht verändern, greifen sie unmittelbar in den Raum ein, sind quasi „Störfaktor“ und überschreiten eine bestimmte Wahrnehmungserwartung. Die Fenster als Verbindungselemente zwischen Innen und Außen sind geradezu prädestiniert dafür, das Thema Wasser aufzunehmen und in den Raum hineinzutragen.  Das sich verändernde Tageslicht entspricht der wechselnden Erscheinungsform eines sich immer in Bewegung befindlichen Elements. Gleichzeitig findet ein Übereinanderschichten unterschiedlicher Realitätsebenen statt, da Malerei und Himmel, die Spuren des Fließprozesses und die Lichtverhältnisse zu einer optischen Einheit verschmelzen. Nicht nur die Formen suggerieren Bewegung und Veränderung, auch das Bild selbst ist nicht mehr als etwas Statisches zu begreifen, indem es die Qualitäten von Luft und Wasser assimiliert, die ihm objektiv nicht eigen sind. Andererseits erhält das Licht durch die Malerei quasi eine materielle Gestalt. Das gefilterte Raumlicht erzeugt eine feierlich gedämpfte Stimmung, wie in einem sakralen Raum, die uns zur inneren Sammlung gemahnt.

Mit der Wahl der Fensternischen als Hängefläche war das Format der Arbeiten festgelegt.

Für Susanne Teupe, die die Maße und Proportionen ihrer Bilder in engen Zusammenhang zu ihrem subjektiven Körpergefühl aber auch zu ihrem Atelierraum sieht, eine eher ungewöhnliche Vorgehensweise. Der intime Dialog zwischen der Künstlerin , ihrem Material und dem Atelier musste sich öffnen gegenüber einer dritten Größe, nämlich dem Ausstellungsort ihrer Arbeit, wobei das spätere Durchlichten der Malerei sich während des Arbeitsprozesses nur schwer kalkulieren ließ.

Susanne Teupe hat mit den Paderborner Bildern Neuland für sich erkundet, sich auf unbekanntes Terrain begeben. Sie nennt es einen  „Ausflug“. Vertrauend auf ihre künstlerische Erfahrung hat sie einen Vorgang initiiert, den sie nur bedingt steuert. Die Ausbreitung der schwarzen Tusche auf dem Malgrund erfolgt nicht mit dem Pinsel oder Schwamm, sondern das hauchfeine Papier liegt in einer wässrigen Lösung aus Tusche und saugt die Farbe auf. Ganz bewusst beschränkt die Künstlerin ihren kontrollierenden Zugriff. Durch Faltungen verhindert die, daß die Tusche an bestimmten Stellen in das Papier eindringt; oder sie behandelt das Papier mit flüssigem Wachs und bestimmt so von vorne herein Leerstellen, die gleichzeitig ein hohes Maß an Transparenz besitzen. Um den Farbfluß zu lenken und Stauungen zu provozieren, legt sie Steine auf das Papier. Die Strukturen, die nach dem Austrocknen der Farbe sichtbar werden, erinnern an Wolkenbildungen, an Wirbel im Wasser, an Strudel oder Kristalle im Eis. Ein im Grunde banaler Vorgang, der in der Zurücknahme der eigenen Person und dem Verzicht auf eine subjektive Handschrift der Eigensetzlichkeit des Materials Raum gibt.

Aus dieser Haltung spricht die Erkenntnis, daß unser Zugriff auf Wirklichkeit- die physische ebenso wie die psychische- immer nur ein Prozeß der Annäherung sein kann. Indem die Künstlerin den malerischen Akt dem Zufall öffnet, nähert sie sich der Qualität des Wassers an. Diese Haltung entspricht der taoistischen Auffassung, wonach Kunst “(…) gleich dem Leben etwas Bewegliches, Fließendes(…), nicht statische Perfektion der Form, sondern eine Antwort auf das Leben“ sein soll. “Das Fließende, Rhythmische in der taoistischen Kunst deutet auch auf die immer wechselnde, immer sich wandelnde Natur der Welt hin, auf die Unbeständigkeit aller Stimmungen oder Umstände.“²  Susanne Teupe realisiert in ihren Arbeiten keine vorgefaßte Konzeption. Der schöpferische Prozeß ist für sie gleichbedeutend mit Chaos, daß sie Schritt für Schritt in eine Ordnung überführt. Die mit Tusche eingefärbten Papiere sind quasi ein Rohmaterial, aus dem sie Bilder „komponiert“. Aus der Fülle des Materials wählt sie aus und verwirft, schneidet und schafft neue Bezüge, indem sie zuvor Getrenntes zusammenfügt.

Der Paderborner Bildzyklus gliedert sich in drei Abschnitte. Das Zentrum bildet die 5-teilige Folge mit amorphen Formen, die flankiert wird und von einer 2-er Gruppe mit kristallinen Strukturen sowie von 2 Arbeiten, deren Thema das Zusammenspiel von Linie und Fläche, zeichnerischer Setzung und flächiger Ausbreitung der Farbe ist. Vor einem diffusen schwarzen Hintergrund tauchen figürliche Zeichen und das an ein Kreuz erinnernde Piktogramm für „Quelle“ auf. Zeichen, die die Künstlerin findet, die sich ihr aufdrängen und die ihre Berechtigung aus einem in sich schlüssigen Bildorganismus erfahren. Die Gefäßform, die in vielen Bildern Susanne Teupes auftaucht, ist für sie ein Ursymbol, das mit  Leben zu tun hat, mit Schützen und Bewahren, Geben und Nehmen. Die Position, die das Gefäß in den Paderborner Bildern einnimmt, verleiht ihm eine erhabene, abschließende Bedeutung. Den in ihrer Bewegung eher unkontrolliert wirkenden Wolkenbildungen im mittleren Teil des Zyklus, setzt die Künstlerin mit diesen Bildern ein Formenrepertoire entgegen, das auf ihr übriges Werk verweist. Unabhängig von der Chronologie ihrer Entstehung lassen sie sich gleichermaßen als Anfangs- wie als Schlusspunkt dieses künstlerischen „Ausflugs“ lesen.

Das Collagieren und Zusammenfügen voneinander unabhängig entstandener Zeichnungen gehört zu Susanne Teupes ganz eigenem Arbeitsverfahren. Indem die Künstlerin nicht direkt auf der Leinwand arbeitet, kann sie das zuvor Entstandene, bereits Festgelegte ausblenden. Die neue Zeichnung entsteht zwar im Hinblick auf ein Ganzes, bewahrt jedoch ihre Eigenart und behauptet ihre Herkunft aus einer unterschiedlichen Gestimmtheit. Die Formen und Zeichen, die durch das Viereck  des Bildträgers zusammengebracht werden, treten in Dialog miteinander. Im fertigen Bild existieren sie nicht mehr als einzelne, sondern sind Bestandteile eines größeren Zusammenhangs, aus dem sie ihre Bedeutung erfahren und sich gegenseitig in ihrer Wirkung steigern oder ausbalancieren. Das Collagieren verlangt von der Künstlerin eine klare Vorstellung über das Ergebnis, schnelles, spontanes Arbeiten, aber auch die Bereitschaft, sich auf Zufälligkeiten einzulassen. Durch die Faltungen, die beim Befeuchten der dünnen Papiere entstehen, verändert sich die Form in ihrem Umriß. Sie wirkt plastischer als eine nur gezeichnete oder gemalte Form und bekommt eine taktile Qualität.

Das Zerlegen des bildnerischen Prozesses in verschiedene Abschnitte gibt den Arbeiten Susanne Teupes ein hohes Maß an Klarheit. Nicht im Sinne von Eindeutigkeit sondern von Entschiedenheit in der künstlerischen Setzung. Immer wieder nimmt sie Distanz, reflektiert das bereits Entstandene.

Die malerische Handlung ist gekennzeichnet durch die Wechselwirkung zwischen bewusster Handlung und der Einbeziehung von Zufälligkeiten im spontanen Akt. Dieser Prozess ist wesentlicher Bestandteil des Bildes und nicht von ihm zu trennen. Wie auch die körperliche Bewegung, die mehr oder weniger ausgreifenden Gesten beim Malen mitschwingen in der Form und im Rhythmus von Schwarz und Weiß unmittelbar anschaulich werden.

So verschieden, wie der Paderborner Zyklus vom übrigen Werk Susanne Teupes zunächst erscheinen mag, verbindet sie doch eine gemeinsame Grundhaltung im Verzicht auf Farbe und dem Bestehen auf Schwarz und Weiß. Auch hierin liegt eine ganz bewusste Beschränkung und Zurücknahme der Künstlerin, als Ausdruck der Konzentration und eines nach innen gerichteten Blickes. Zwischen den Extremen Schwarz und Weiß entfaltet Susanne Teupe ein Reichtum an Zwischentönen und Variationen von tiefster Dunkelheit bis zur lichtesten Helligkeit, sodass sich unweigerlich der Begriff „Farbigkeit“ aufdrängt.

Der amerikanische Maler Sam Francis, der neben seiner sehr farbenprächtigen Malerei eine Reihe schwarzer Tuschen schuf, notierte über die Beschäftigung mit Schwarz und Weiß: „Farbe wird geboren aus der Durchdringung von Licht und Dunkel.(…) Einsicht ist im Dunkeln. Alle Einsichten sind dunkel.“³ Die Identifikation mit dem Lebendigen, die die Kunst Susanne Teupes ausmacht, ist nur ein scheinbarer Widerspruch zum Verzicht auf Farbe. Der Gegenstand wird entrückt, und es entsteht Distanz zur Wirklichkeit, um den Blick des Betrachters für ein eigentlich Unsichtbares zu öffnen, für etwas, das – ein Paradox für die Kunst – weniger mit dem Auge wahrgenommen, als empfunden werden kann.

Susanne Teupes Paderborner Bilder erschließen sich keinem an Merkmalen orientierten, wiedererkennenden Sehen. Indem sie die Fensteröffnungen verhüllen, stören sie den gewohnten Blick auf den Himmel und verweisen den Betrachter auf sich selbst zurück. Gleichzeitig wirken sie aufgrund ihrer transparenten Qualität selbst wie Fenster. Eine Aufforderung an unsere Phantasie, uns auf eine dahinter liegende Realität, auf das Bild hinter dem Bild einzulassen.

¹ Gerhard Meier , Werner Morlang. Das dunkle Fest des Lebens. Amrainer Gespräche. Köln, Basel 1995. S.278

² J.C.Cooper, Der Weg des Tao. Eine Einführung in die älteste chinesische Weisheitslehre. Bern, München, Wien 1977. S.127

³ Robert Shapazian. Im Dunkeln arbeiten. In: Sam Francis. The Shadow of Colors. Hrsg. Von Ingrid Mössinger. Ludwigsburg 1995. S.11

REGINE NAHRWOLD

„Raumbilder“

 

Vortrag zur Ausstellung: Susanne Teupe „Arbeiten auf Papier“, Torhausgalerie Braunschweig, 1991

Als die Party im Hause eines angesehenen Bürgers in der „Straße der Vorsehung“ ihrem Ende entgegengeht und das erste Paar sich verabschiedet, hält es – von etwas Unerklärlichem seltsam berührt – vor der Haustür inne und kehrt wieder um. Dieser Vorgang wiederholt sich, und im Laufe des Abends wird klar, daß ein geheimnisvoller Zwang die Gäste daran hindert, das Haus zu verlassen. Tagelang bleiben sie so miteinander eingepfercht und geraten in dieser Extremsituation an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit. Niemand kann hinaus- und niemand kann hinein, um Rettung zu bringen. Bis schließlich eine Frau die Eingebung hat, genau die Ausgangslage zu rekonstruieren: Alle Personen nehmen die Position im Raum ein , die sie innehatten, als das merkwürdige Phänomen zum ersten mal auftrat, und plötzlich ist der Bann gebrochen. Man beschließt, einen Dankgottesdienst zu feiern, aber als die Gemeinde, dem Priester folgend , die Kirche verlassen will, hält dieser – von etwas Unerklärlichem seltsam berührt – vor dem Portal inne und kehrt wieder um…

Dies ist die Handlung von Bunuels Film „Der Würgeengel“, der sie stark beeindruckt hat, wie mir Susanne Teupe bei unserem ersten Zusammentreffen erzählte. Der reale Raum als Symbol für den unsichtbaren Raum , den wir wie einen Käfig mit uns herum tragen, in den wir womöglich auswegslos eingesperrt sind? Das Gefangensein des Ich in den Grenzen von Urteilen und Vorurteilen, von Konventionen und Gewohnheiten , die eine Berührung mit der Außenwelt unmöglich machen, und jenseits derer erst die „wahre“ Natur sich zeigt? (…) Die Geschichte des Films kann (…) vielleicht etwas vom persönlichen Erleben der Malerin beleuchten , das für die Entstehung ihrer Bilder eine Rolle gespielt hat, und sie kann vielleicht auch etwas von den Empfindungen umschreiben, die diese wiederum im Betrachter auslösen. Die Bedeutung der Bilder aber liegt in dem, was auf ihnen sichtbar wird.

Wie kann Raum überhaupt sichtbar werden? Zunächst einmal handelt es sich ja um einen ganz abstrakten Begriff und als solcher ist Raum, die unendliche, alles umfassende Leere, die nur vorstellbar, nicht aber darstellbar ist. Sichtbar wird Raum erst an dem, was ihn füllt, was in ihm existiert, d.h. für die Künste: In der Architektur als dreidimensionaler Bau, der in den Außenraum hineinragt und einen Innenraum umschließt, in der Skulptur als räumlich ausgedehntes, körperliches Gebilde. Und auf der Fläche der Malerei? Hier erscheint Raum als Perspektive, die die Entfernung zwischen den Dingen angibt, als farbige, in der unabsehbaren Ferne verdämmernde Atmosphäre zwischen Himmel und Erde, und als im Licht hell und dunkel aufscheinender, farbig modellierter Gegenstand.

Perspektive, Farbe, Licht, Gegenständlich – Figürliches – diese Elemente finden wir auch in den Bildern von Susanne Teupe. Aber sie schließen sich nicht zum Abbild eines realen Raumes zusammen, so wenig wie hier reale Gegenstände abgebildet sind, sondern Formen und Farben, die, von den sichtbaren Dingen abgeleitet, allenfalls noch eine Erinnerung an sie bewahren. Vielmehr spielt Susanne Teupe mit diesen Elementen und spielt sie auch gegeneinander aus, indem sie sie in ein widersprüchliches Verhältnis zueinander treten, sich durchkreuzen und gegenseitig stören lässt. Immer wieder wird – ähnlich wie es in kubistischen Bildern der Fall ist – zunächst der Eindruck von Räumlichkeit erweckt und dann doch wieder gebrochen und in die Zweidimensionalität zurückgenommen. Es wird nicht ein illusionistischer Raum vorgetäuscht, sondern der auf die Fläche gebrachte Raum gezeigt.

Angefangen hat sie mit Zimmerfluchten, in denen vereinzelte menschliche Figuren im Bild selbst Einsamkeit, Verlorenheit, Auf – sich – selbst – Zurückgeworfensein thematisierten. In den folgenden Bildern schwand der Ansatz einer perspektivischen Konstruktion mehr und mehr; Raum entstand nun durch die Plastizität von dinghaften Formen, wie sie sich im Helldunkel herausbildet. Und dann verschwanden auch diese dinghaften Formen. Raum wurde ohne Perspektive und Plastizität aus dem Vortreten und Zurückweichen der Farbtöne selbst entwickelt.

Der Versuch, aus der reinen Farbe heraus zu arbeiten, bringt allerdings die Schwierigkeit mit sich, dass der Buntwert der Farben bisweilen ihren raumbildenden Helligkeits – und Dunkelheitswert verunklärt. Dies und die intensive Beschäftigung mit der Raumwirkung von Licht hat zu den Schwarz – Weiß – Arbeiten geführt, zu jenen Innenräumen, die durch dramatische

Licht – Schattenkontraste etwas Unheimliches, Bedrohliches bekommen und in denen nun nicht mehr eine Figur im Bild, sondern der Betrachter mit sich selbst eingesperrt ist. Enge, niedrige Höhlen, Schläuche, Schächte, Stollen, Gitter, Leitern, Schienenstränge, verkantete Balken und Splitter. Verriegelte Lichtungen. Lichteinfall, -einbruch durch Luken und Löcher. (…)

Diese Innenräume wecken Kindheitserinnerungen an jene mit gespenstischen Gerümpel vollgestopften Dachböden und Keller, die Angst auslösten und zugleich unwiderstehliche Anziehungskraft ausübten. Sie lassen aber auch an Piranesis alptraumhafte Carceri zurückdenken und an Caravaggio, dessen „Kellerlicht“, dessen von scharfen Schlaglicht zerhackte Bildfläche und dessen weit gespannte, pathetische Gesten Susanne Teupe eine zeitlang angeregt haben.

Sind schon die Schwarz – Weiß – Arbeiten von starker malerischer Schönheit, so erst recht die farbigen, in denen zudem die Mischung verschiedenster Techniken eine reizvolle Oberfläche schafft. In ihren hellen, zarten Farben sind sie wohltuend undramatisch und heiter, und noch lockerer als in den Zeichnungen ist hier die Verbindung von malerischen Mitteln und gegenständlichen Assoziationsmöglichkeiten: Farbe – ein Gefüge gegeneinander versetzter Stellwände, Stoffe, Vorhänge, Collage – Ecke, Kante, Fensterrahmen, Blick hinaus. Ein Stück Foto – Himmel, Landschaft, Industriegebiet. Kreide – Regenschleier, Wolkenfetzen, Spuren eines in Weiß getauchten Pinsels – eine leichte Gardine, die sich im Wind bauscht, wie die auf jenem

Raum – Bild, das aus den kleinsten Dingen – Stühlen, Spiegeln, Teppich und einer geöffneten Tür – die größte malerische Sensation macht: Menzels „Balkonzimmer“.